Montag, 10.11.2003, 00.00 Uhr, Saal

Durst

Lesung mit Michael Kumpfmüller

In der Hitze des Hochsommers versucht eine junge Frau, aus ihrem Leben zu fliehen. Sie packt einen Rucksack und lässt ihre beiden kleinen Kinder und ein paar Päckchen Saft zurück. Sie will nicht lange fortbleiben, und obwohl sie nicht weit kommt, findet sie nicht mehr zurück. In seinem zweiten Roman lässt sich Michael Kumpfmüller auf ein Thema ein, vor dem sich die Gesellschaft mit Abscheu und Dämonisierung schützt: eine Mutter, die tötet. Was, um alles in der Welt, treibt diese Frau, während in ihrer Wohnung das Entsetzliche geschieht? Mit kühlem, niemals anklagendem Blick begleitet Kumpfmüller seine Figur dreizehn schwere Tage lang und beschreibt protokollartig ihre ziellosen Wege, ihre ruppigen Liebschaften und ihre Einkaufstouren, die sie auch in Spielwarenabteilungen zu den Kuscheltieren führen. Schichtweise wird ihr mörderisches Versagen freigelegt, und wir ahnen voller Unbehagen, dass es mit Schwäche und Angst viel mehr zu tun hat als mit seelischen Defekten. Michael Kumpfmüller beweist mit diesem Buch, wozu die Literatur im besten Fall im Stande ist - Erkenntnis zu schaffen abseits von schieren Fakten und Psychologie.

Moderation: Katrin Hillgruber

»Ein kleines Meisterwerk, der gelungene Versuch, jenseits aller Klischees Sprache für eine menschliche Tragödie zu finden − suggestiv und schonungslos.« Susanne Kunckel, Welt am Sonntag

»Atemlose, empathische Prosa aus Sätzen, die immer etwas weiter gehen, als man denkt, die sich vor dem erlösenden Punkt geradezu zu scheuen scheinen ... Ein zutiefst menschliches Buch.« Oliver Pfohlmann, taz

»Vielmehr als die Dokumentation eines Kriminalfalles ist ›Durst‹ ein literarisch dichtes Psychogramm einer unschlüssigen, abschüssigen Existenz, die mit den billigen Angeboten der Kaufhausware, des Sex, des Films sich davonstehlen will und statt des Auswegs den Abgrund findet.« Gert Oberempt, Rheinischer Merkur

»Kumpfmüllers Roman ist kaum auszuhalten, er attackiert physisch und psychisch. Ein gefährliches Buch, gefährlich gut.« Susanne Schaber, Freitag

»Perfekt komponiert − und gnadenlos« Brigitte